Das Konzept "Verlag 4.0"

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Verlag 4.0 – mehr als eine Chimäre?

„Industrie 4.0“ – für die einen der Schlüssel, um durch systematische Digitalisierung entscheidende Wettbewerbsvorteile in den nächsten Jahren zu erzielen. Für andere noch nicht wirklich greifbar. Wir untersuchen die Übertragung und Anwendung der „Industrie 4.0“ Prinzipien auf den Verlagsbereich,  und sehen überraschende Parallelen. Kann „Verlag 4.0“ die Verlagswirtschaft wettbewerbsfähiger und zukunftssicherer machen? Wir meinen: ja!

Industrie 4.0

Hinter diesem Schlagwort sehen viele nicht weniger als die vierte industrielle Revolution, nach der Erfindung der Niederdruckdampfschine durch James Watt 1769, dem Einsatz des permanenten Fließbandes durch Henry Ford in seiner Automobilfabrik in Detroit 1913, und den ersten integrierten Mikroprozessoren durch Federico Faggin (Intel 4004, Z80, Microcontrollerfamilie Intel MCS-48) 1971/1976.  Basierend auf einer umfassenden Vernetzung von Maschinen (dem Internet of things, IoT), der Hersteller mit den Nutzern ihrer Erzeugnisse, ihren Kunden und Lieferanten, ist das Konzept „Industrie 4.0“ durch drei Merkmale gekennzeichnet:

  1. Entscheidungen auf Basis von umfassenden Realzeitdaten: »big data analysis« zur Steuerung er Produktion, im Marketing, …
  2. den Einbezug der Kunden in die Produkt- und Serviceentwicklung auf Augenhöhe»crowd sourcing«
  3. die höchst flexible, selbstorganisierende Fertigung, die eine „Lösgröße 1“, also die Einzel- und Maßanfertigung, zu Großserienpreisen ermöglicht (»mass customerization«) 

Die umfassende Vernetzung via Internet Technologie erlaubt es – um ein gängiges „Industrie 4.0“ Paradigma zu zitieren – dass eine Maschine eigeninitiativ und vorausschauend eine demnächst fällige Wartung erkennt und bei ihrem Hersteller diese Serviceoperation anfordert, rechtzeitig bevor es zu einer Betriebsunterbrechung kommt.

Was lässt sich hiervon auf das Verlagsgeschäft übertragen?

Technologische Entwicklung im Druck

Zunächst die Rückversicherung, ob sich wie bei der industriellen Entwicklung, auch hier drei entscheidende Technologiesprünge in der Vergangenheit identifizieren lassen? Mit 1) der Erfindung der Spindelpresse durch Johannes Gutenberg 1440, 2) Entwicklung und Einsatz der Rollenrotationsmaschine („Walterpresse“) ab 1865 bei „The Times“ in London von J.Walter III sowie dem Linotype Linotronic™Raster Image Prozessor (RIP) 1983, dem ersten System, das unter Verwendung von Fotosatz Schriften digital als Vektoren speicherte und über ein Satz Gestaltungsterminal (SGT) bedient werden konnte, lassen sich auch im Verlagsbereich solche entscheidenden Technologiesprünge finden. Was kennzeichnet den „Verlag 4.0“?

Verlag 4.0

Dem Internet of Things steht im Verlagsbereich die kontinuierliche (»always on«) Vernetzung der Reaktion mit ihren Reportern, sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook, … gegenüber, aber vor allem mit den Lesern vermittels typischerweise mobiler, internetfähiger Endgeräte. Keine Frage, gerade im Nachrichtenbereich ist die analoge und Ressourcen konsumierende Welt des Papiers dem Untergang geweiht.

Ähnlich wie „Industrie 4.0“ mehr als die konsequente Digitalisierung und Vernetzung von Maschinen, Herstellern, Kunden und Lieferanten ist, sondern sich erst durch die Effektivitäts- und Produktivitätsgewinne konstituiert, die man auf dieser technologischen Grundlage jetzt erstmalig realisieren kann, wird auch „Verlag 4.0“ durch neue journalistische und verlegerische Möglichkeiten bestimmt. Wir sehen diese in Analogie zu „Industrie 4.0“ in Folgendem:

  1. Die (anonymisierten) Rückmeldungen von den internetfähigen Endgeräten, auf denen die redaktionellen Inhalte genutzt werden, erlauben in Realzeit aussagekräftige Analysen der Lesergewohnheiten (»business intelligence«), die sowohl für die journalistischen wie kommerziellen Angebote (Anzeigen) genutzt werden können. Dies ist nicht nur die Information, wie häufig und wie lange Inhalte gelesen und betrachtet werden. Auch der Ort und die Zeit der Nutzung, die Geschwindigkeit, mit der sich der Leser während der Nutzung bewegt, erlauben weitreichende Auswertungsmöglichkeiten.
  2. Der Einbezug der Leser auf Augenhöhe, als Lieferanten originärer Inhalte, ist ein weiteres Bestimmungsmerkmal von „Verlag 4.0“. Dies können in der Reiseliteratur etwa Hinweise an die Redaktion auf zusätzliche oder nicht mehr vorhandene Sehenswürdigkeiten, geänderte Öffnungszeiten, korrigierte Hotel- oder Restaurantbewertungen, wichtige Veranstaltungen … sein, bei denen der Vorort-Reisende den Aktualitätsvorteil gegenüber der entfernten Redaktion bzw. dem Autor hat.  Oder Berichte, die ein Leserreporter am Ort des lokalen Geschehens formuliert und – brandaktuell und multimedial illustriert – an die Redaktion übermittelt. Wir haben an anderer Stelle ausgeführt, wie dabei – etwa durch das „Augenzeugenprinzip“  oder die automatische Aggregation unterschiedlicher Berichte zum selben Ereignis – eine geeignete Qualitätssicherung  des Berichteten sichergestellt werden kann.
  3. Ein personalisiertes Informationsangebot stellt auch heute schon kein wesentliches Problem dar, wenn der Leser seine Interessen zuvor thematisch, zeitlich und/oder geografisch verortet hat. Dann können aus dem angelieferten Nachrichtenstrom, und den begleitenden Metadaten jeder Nachricht, die passenden Elemente ausgefiltert und ihm dargestellt werden.

»Business Intelligence« im Verlag

Die Vertriebssteuerung der gewerblichen Anzeigenkunden über ein Customer Relationship Management (CRM) System gehört heute zu den Standardwerkzeugen eines Verlages. Die in CRM-System üblichen Verfahren der Generierung neuer Interessenten (»leads«), etwa durch White-Paper Download, … lassen sich durch Auswertung der (anonymisierten) Rückmeldungen über die Nutzung der Verlagsprodukte deutlich erweitern. So gibt insbesondere die Auswertung der Orts-, Zeitinformation darüber Aufschluss, wann sich wie viele Leser in der Nähe oder an den geöffneten Verkaufsstätten/Veranstaltungsorten der gewerblichen Verlagskunden aufhalten (und damit für eine spezifische Vor-Ort Werbung dieser Verlagskunden erreichbar sind). Für die Bindung von Bestandskunden können die ableitbaren Informationen von hohem Interesse sein, für was sich Leser der Anzeige eines Kunden sonst noch an Angeboten und Verlagsthemen interessieren oder in welchen Ausmaß eine wahrgenommene Anzeige zu einem physischen Besuch einer beworbenen Verkaufsstätte bzw. eines Veranstaltungsortes motiviert? Mit diesem exklusiven Spezialwissen über das Leserverhalten lassen sich die Angebote eines Verlages an seine gewerblichen Anzeigenkunden deutlich werthaltiger als bisher gestalten und mit (lokalen) Exklusivmerkmalen versehen. Unser vorhergehender Blogbeitrag zur digitalen Transformation der Anzeigenblätter nennt die Details.

Nachdem sich kürzlich erstmalig einer der weltbesten Spieler des strategischen Brettspiels GO dem Google-Computer-Programm AlphaGo auf Grundlage künstlicher neuronaler Netze mit 1:4 geschlagen geben musste, verbleibt uns nur noch, mit einem Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo festzustellen: „Rien n’est plus puissant qu’une idée dont le temps est venu.“ 

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Ein Bild unseres Blog Autors Rainer Lutze und Michael Strzodka

Rainer Lutze und Michael Strzodka

Rainer Lutze ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung Dr.-Ing. Rainer Lutze Consulting, die Verlage im Bereich der digitalen Medien berät. Michael Strzodka ist selbständiger Journalist und Zeitungsredakteur mit 30-jähriger Berufserfahrung, zuletzt als CvD und Mitglied der Chefredaktion der „Westfälischen Rundschau“ in Dortmund. Rainer Lutze und Michael Strzodka berichten hier regelmäßig über relevante Tendenzen und Entwicklungen zur Zukunft des Journalismus.

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