Fachtagung Wearables \at \work am 17.02.2016 im FOM Hochschulzentrum München

Bericht zur Fachtagung Wearables \at \work 2016

München, den 17.2.2016. Über 70 Experten trafen sich heute zu der wissenschaftlichen Fachtagung »Wearables \at \work 2016« an der privaten FOM Hochschule für Ökonomie und Management, um sich über den Stand der Technologie zu informieren und die Rahmenbedingungen ihres Einsatzes zu diskutieren. Das Ergebnis ist zwiespältig: während sich sinnvolle und technisch machbare Einsatzmöglichkeiten der am Körper getragenen Kleinstcomputer immer deutlicher abzeichnen, besteht bei den rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihres Einsatzes weiterhin deutlicher Klärungsbedarf. Eine Situation, die der Einführung vergleichbarer innovativer Technologien wie des PCs in den achtziger Jahren nicht unähnlich ist.

Technisch ist die Situation dadurch gekennzeichnet, dass die Hersteller von Smartwatches aktuell dabei sind, die Schwachstellen ihrer ersten Gerätegeneration zu eliminieren. Dazu gehört vor allem die von den Nutzern weltweit geforderte deutlich höhere Autarkie der Geräte (vgl. etwa [1] für die Apple Watch), also eine weitreichende mögliche Benutzung der Computeruhren unabhängig von zusätzlich notwendigen Smartphones. Auch induktive Ladeschnittstellen, die eine unkomplizierte Aufladung der Uhren ohne erhebliche feinmotorische Fähigkeiten des Nutzers im exakten Andocken an die Kontakte einer Ladestation ermöglichen, gehören als voraussichtlicher, zukünftiger Standard dazu. Die aktuell in der Einführung begriffenen, fest in die Smartwatches verbauten elektronischen SIM Karten können dazu verwendet werden, die Robustheit der Uhren gegenüber Umwelteinflüssen (etwa zum Baden, Schwimmen mit der Smartwatch) weiter zu steigern. Die bisher notwendige SIM Karten Öffnung der Smartwatch kann dann entfallen. Erste Smartwatches mit der maximalen Schutzklasse IP68 sind ja bereits verfügbar. Den Wunsch vieler Nutzer, die Uhr über Wochen, und nicht nur wenige Tage mit einer Batterieladung nutzen zu können, werden die Hersteller trotz kontinuierlicher Optimierung des Energieverbrauchs zunächst nicht erfüllen können. Dies würde Nobelpreis würdige Erfindungen in der Batterietechnologie bzw. elektrischen Energieerzeugung erfordern, die so nicht absehbar sind. Diese bestehenden Schwachstellen der ersten Smartwatch Generation, die die breite Verwendungsfähigkeit der Uhren noch beeinträchtigen, könnten auch die Ursache dafür sein, weshalb Barbod Namini von Holtzbrinck Ventures in seiner Keynote einräumen musste, dass die App Investitionen in Europa nach anfänglicher Euphorie in 2014 im Jahre 2015 deutlich zurückgegangen sind und auch zukünftig eher auf einem stabilen Plateau erwartet werden. Zumindest, bis hardwareseitig allseits überzeugende Produkte verfügbar sein werden.

Während die Bundeärztekammer noch kürzlich meinte pauschal feststellen zu müssen, dass Trackingdaten von Wearables als „Datenmüll“ nichts in einer elektronischen Patientenakte zu suchen hätten ([2], [3]) – zumindest solange die Wearables keine Medizinprodukte seien –, sahen die Teilnehmer der Fachtagung dies deutlich differenzierter. Die Aussagekraft der sensorischen Daten, die über eine Smartwatch regelmäßig oder kontinuierlich im Tagesverlauf über 24 Stunden erhoben werden, erschließt sich typischerweise vor allem durch ihre integrative Wirkung bzw. die Abdeckung des gesamten Tagesverlaufs (vgl. etwa das verbreitete Phänomen der „Weißkittelhypertonie“). Damit können auch fehlerbehaftete Einzelmesswerte bzw. einzelne Messwerte limitierter Datenqualität durchaus kompensiert werden. Dass Smartwatch bzw. Wearable Apps, die Vitaldaten erstdiagnostisch interpretieren und nutzen, ein Medizinprodukt in der Definition des MPGs konstituieren, war natürlich auch den Tagungsteilnehmern klar. Diese Perspektive ist mit dem von dem FHG Startup ambiotex ([4]) im Praxisworkshop der Fachtagung vorgestellten, in ein Shirt integrierten 3-Kanal EKG und Bewegungssensor klar erkennbar. Noch deutlicher wird dies an der langfristigen Entwicklung einer den Blutdruck messenden Smartwatch „carunda24“™ durch die STBL Medical Research AG in der Schweiz ([5]) mit dem zugehörigen Armbandsensor der EMPA ([6]). Die Produktperspektive einer neben der – heute schon möglichen – Pulsmessung auch die arterielle Sauerstoffsättigung und den Blutdruck am Handgelenk messenden Smartwatch ist sicherlich noch viele Jahre entfernt. Sie wird aber erstdiagnostisch für Risikogruppen mit einem „rund um die Uhr“ Monitoring von zentralen Vitalparametern eine neue telemedizinische Versorgungsqualität ermöglichen, sozusagen den ständigen „Rettungssanitäter“ am Arm.

Weniger telemedizinisch, denn gesundheitsökonomisch zielgreifend waren die Berichte von Prof. Dr. Barbara Klein von der Frankfurt UAS und mir über den Einsatz von Smartwatches als Hausnotruf der nächsten Generation. Ergänzend stellte Prof. Dr. Klemens Waldhör die theoretischen Grundlagen unserer App aus den Bereichen Statistik, Data Mining und Machine Learning dar. Erste Ergebnisse des aktuellen Feldversuchs in Hessen (zusammen mit dem DRK Frankfurt) deuten darauf hin, nicht nur den Nutzern ein weitaus weniger als bisher stigmatisierendes Hilfsmittel „an den Arm“ geben zu können. Für die Hausnotrufzentrale und Rettungsleitstelle könnten die über die Smartwatch verfügbaren, analytisch aufbereiteten Daten zur Historie eines aktuellen Notrufs / Notfalls helfen, die knappe und teure Ressource eines erforderlichen Rettungseinsatzes präziser und kosteneffizienter als bisher disponieren zu können.

Auf die vielfältigen neuen Einsatzmöglichkeiten von Smartwatches gerade im handwerklichen und industriellen Umfeld, aber auch auf sich dabei stellenden arbeitsmedizinischen / ergonomischen Anforderungen an die Geräte und ihre Benutzungsschnittstelle, wurde in den Vorträgen von Prof. Dr. Peter Hoffmann und seinem Team von der FOM Hannover hingewiesen.

Einen weiten Raum auf der Fachtagung nahmen die rechtlichen und gesellschaftlichen Aspekte eines Wearable Einsatzes ein. Hubertus Räde, AOK Vorstand, betonte in seiner Keynote die bisher fehlende gesetzliche Verarbeitungsermächtigung für Wearable Daten, die die GKV als Körperschaft öffentlichen Rechts für die Verarbeitung von Wearable Daten braucht (vgl. dazu auch gleichlautend [7]). Auch sei zwischen einem Einsatz von Wearables für die Regelversorung, die eine aufwendige Integration in die AOK IT Systeme benötigt sowie eine gesundheitsökonomisch nachgewiesene Wirksamkeit der Geräte für einzelne Indikationen voraussetzt, und der allgemeinen Förderung und Prämierung eines gesundheitsbewussten Verhalten der Versicherten zu unterscheiden. Ob letzteres unter dem Primat des für die GKV geltenden Solidaritätsprinzips überhaupt möglich sei, sieht zumindest die AOK Bayern als sehr kritisch. Typischerweise würde hierbei die Gruppe der Jungen und Gesunden besser gestellt, was letztlich von den älteren und nicht mehr so gesunden Versicherten finanziert werden müsste. Im Gegensatz dazu und aus Sicht der PKV hatte schon im Sommer 2015 Generali Vorstand Liverani auf das dort maßgebliche Grundprinzip der risikogerechten Tariffierung hingewiesen und für 2016 die Einführung des „Vitality“ Gesundheitsprogramms und entsprechender Versicherungstarife angekündigt ([8]). So soll ein nachgewiesener gesunder Lebensstil der Versicherten zunächst in der Risikolebens- und BU Versicherung des Unternehmens entsprechend prämiert werden ([9]). Noch weiter ging TK Chef Dr. Jens Baas kürzlich in seinem SZ Interview „… in ein paar Jahren wird das anders aussehen. Jeder von uns wird so ein Gerät haben“ ([10]) und überlegt, gegen Entgelt Wearable Daten in der elektronischen Patientenakte zu managen, um diese dort mit medizinischen Daten geeignet zusammenzuführen. Den Vorteil sieht Baas in der Prognose der gesundheitlichen Entwicklung eines Versicherten und die präventive Information des Versicherten über das Risiko einer Erkrankung. Hier vermutet der TK-Chef die nächste medizinische Revolution, und nicht in der Entwicklung eines einzelnen Medikamentes zum Beispiel zur Krebsbehandlung. Justiz- und Verbraucherschutz Minister Heiko Maas treiben solche Absichten wohl schon die Schweißperlen auf die Stirn, in dem er im Positionspapier seines Ministeriums zum Safer Internet Day 2016 ([7]) schon mal die Frage aufwerfen lässt, ob es nicht eines Algorithmen TÜVs bedarf, „der die Lauterbarkeit der Programmierung gewährleistet und auch sicher sicherstellt, das die individuelle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit nicht manipuliert wird.“ Klar, Informatiker sind nun mal böse Menschen; mal sehen, ob ich die Prüfung zum „lauteren Programmierer“ wohl bestehen würde?

Auf die grundsätzlich geforderte Transparenz hinsichtlich der Möglichkeit und Verwendung prädiktiver Analysen (»big data«), die aus Wearable Daten ableitet werden, wies Prof. Dr. Marcus Helfrich in seiner Keynote auf der Fachtagung hin. Er verwies hierzu auf die Relevanz und andauernde Aktualität des BVG Urteils von 1983 zum Volkszählungsgesetz (BVerfGE vom 15.12.1983). Dies betrifft zum einen die grundsätzliche Kenntnis und Einschätzung, was wer und unter welchen Bedingungen mit den personenbezogenen Kenntnissen über den Wearable Nutzer tut. Noch wichtiger ist aber eine gesellschaftlich breite geführte Diskussion und Herausbildung von Werten, was die Ethik und Grenzen der Zulässigkeit von prädiktiven Analysen betrifft. Steven Spielberg und Tom Cruise haben uns einige praktischen Implikationen dieses Themas in ihrem Film „Minority Report“ schon 2002 vor Augen geführt.

Weiterführende Links

[1] Artikel von Lily Prasuethsut in »wareable.com« vom 19.02.2016: “Apple WatchOS 3: What we want to see” 

[2] Artikel von K. B. Becker in »Süddeutsche.de« vom 8.2.2016: “Krankenkassen wollen Daten von Fitness-Armbändern nutzen” 

[3] Bericht in »Krankenkassen Direkt« vom 15.02.2016: ”Krankenkasse will Daten aus Fitness-Trackern über elektronische Patientenakte verwalten” 

[4] ambiotex GmbH, Mainz

[5] Carunda24(TM) Smartwatch Konzept, STBL Medical Research AG, Freienbach, CH

[6] Pressemitteilung der EMPA der ETH Zürich vom 12.06.2013: “Wristband revolutionises blood pressure measurement“ 

[7] Pressemitteilung des BMJV vom 9.2.2016: “Safer Internet Day – Am Puls der Zeit? Wearables und Gesundheits-Apps aus verbraucherpolitischer Sicht”

[8] “Die Lage ist ernst”, Interview mit Giovanni Liverani, Vorstand Generali Deutschland, Wirtschaftswoche Nr. 31 v. 24.07.2015, S. 42-43

[9] Artikel von H.Fromme “Eine Frage des Lebensstils” in »Süddeutsche.de« vom 19.08.2015

[10] Interview mit TK Chef Dr. J. Baas ” in »Süddeutsche.de« vom 07.02.2016: “Jeder von uns wird so ein Gerät haben”

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Ein Bild unseres Blog Autors Rainer Lutze

Rainer Lutze

Rainer Lutze ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung Dr.-Ing. Rainer Lutze Consulting. Das Unternehmens berät seit seiner Gründung im Jahr 2000 Unternehmen und Organisationen im Bereich der digitalen Medien und der digitalen Gesundheit und Pflege (E-Health). Ein aktueller Schwerpunkt ist das intelligente Zuhause, das ein gesundes, sicheres und selbstbestimmtes Leben im vertrauten Zuhause bis ins hohe Alter und auch in Gegenwart alterstypischer Beschwerden und Einschränkungen ermöglicht.

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