Impression von der IFA 2017 in Berlin

© Dr.-Ing. Rainer Lutze Consulting, Samsung, pixelrobot, AltoClassic – Fotolia.com

IFA 2017 – Fitness OK, Healthcare Forthcoming

Ein Bericht von der Internationalen Funkausstellung (IFA 2017) in Berlin

Messen verführen zu leichtfertigen Steigerungen. Das Handelsblatt meldete zur IFA 2017 Eröffnung am 1.9.2017 schon im Titel des Beitrages die „Neuerfindung der digitalen Uhr“. Die Welt resümiert am gleichen Tag unter dem Titel »Smartwatches werden jetzt richtig clever« in der Zusammenfassung des 1. Absatzes: „Vor allem die Smartwatches werden zu Alleskönnern“. Wirklich? Keine der auf der IFA 2017 jetzt neu vorgestellten Smartwatches erfüllt eine der wichtigsten – und schon seit vielen Jahren verlangten – Forderungen der Anwender. Die kommunikative Unabhängigkeit der Smartwatch vom mitgeführten Smartphone, Voraussetzung für viele Business Anwendungen etwa im Gesundheitsbereich, suchten wir auf der IFA 2017 bei den neuen Produkten vergeblich. Ja, die neuen Fitness Armbänder, allem voran das neue Samsung Gear™ Fit 2 Pro Armband, überzeugen. Aber im Bereich der Smartwatches hat Apple nach wie vor alle Chancen, es dem Mitbewerb zu zeigen, wie man so etwas macht. Der 12. September, an dem mit dem iPhone™ 8 zeitgleich die Vorstellung der Apple Watch 3 erwartet wird, bleibt spannend.

 

Smartwatches und Fitness Armbänder

Während Samsung sein Smartwatch Spitzenmodell Gear™ S3 Frontier im letzten Jahr noch mit einem eSIM basierten LTE Kommunikationsmodul ausgestattet hatte, der zumindest in Nordamerika und Asien nutzbar ist, fehlt dieser in der aktuellen Neuvorstellung Samsung Gear™Sport ganz. Die Huawei Watch 2 bleibt damit die einzige aktuell am Markt verfügbare Smartwatch eines großen Herstellers, mit der man ohne mitgeführtes Smartphone dank integriertem LTE Modul auch telefonieren  – und noch wichtiger – Daten übertragen kann. Die simultan in die Smartwatch verbaute eSIM wie konventionelle nano SIM Karte macht die Uhr global verwendbar. Amazon bietet die Huawei Watch 2 aktuell für  EUR 360,– an. Der spezifische Google Store für Smartwatches mit dem Android Wear™ 2.0 Betriebssystem  erlaubt es der Huawei Uhr – wie allen anderen Smartwatches mit Android Wear™2.0  auch – , Apps direkt aus dem Store in die Smartwatch zu laden, ohne den bisherigen Umweg über ein zusätzlich benötigtes Smartphone.

LG folgte auf der IFA 2017 leider der unschönen Tradition des letzten Jahres. Das 4G kommunikationsfähige Smartwatch Spitzenmodell LG Watch Sport™ wurde erst gar nicht in Berlin ausgestellt (vgl. unseren Bericht in diesem Blog „Smartwatch, Quo Vadis“ ). Es ist auch weiterhin in Deutschland (noch) nicht verfügbar; das bisherige 3G kommunikationsfähige Modell LG Urbane 2nd Generation nicht mehr.

Die neue Fitbit Smartwatch Ionic™ überzeugt mit eleganten Design und überraschender Leichtigkeit. Sowohl die neue Fitbit Smartwatch wie auch die neue Garmin Vivoactive™ 3 Smartwatch stellen sich dem bisherigen Trend zu immer wuchtigeren Smartwatches entgegen. Sicherlich getrieben durch die Absicht, dass diese beiden Smartwatches auch die Funktionen eines Fitness Armbandes mit beinhalten.  Sie sollen den Sporttreibenden am Arm nicht zu sehr beeinträchtigen.  Fitbit verwendet für die Smartwatch sein eigenes Betriebssystem namens „Fitbit OS“. Diese Entscheidung muss sicherlich auch im Licht der Übernahme von Pebble im letzten Jahr und der erwünschten Migration der Pebble Entwicklerbasis gesehen werden. Garmin ist davon überzeugt, vermittels des NFC Sensors der Uhr sein eigenes Bezahlsystem „Garmin Pay“ durchsetzen zu können. Beide Uhren umfassen die übliche hardwaretechnische/sensorische Standardausstattung aktueller Smartwaches. Sie werden für etwa EUR 350,- kurzfristig im Handel verfügbar sein. Neben den verbreiteten Betriebssystem Watch OS von Apple und Android Wear™ von Google müssen die App Entwickler mit  Tizen™ für Samsung Smartwatches mit dem Fitbit OS nunmehr 4 unterschiedliche Betriebssysteme berücksichtigen, um auf allen Plattformen präsent zu sein. Diese Rechnung wird definitiv nicht aufgehen. Es bleibt abzuwarten, welche Betriebssystem Plattformen sich auf Dauer durchsetzen werden.

Die Fossil Gruppe setzt unter ihrem Modelabel »Emporio Armani« erstmals auch auf voll digitale Smartwatches. Die hybride „Connected“ Reihe wird um entsprechende digitale Smartwatches ergänzt. Die Uhren werden ab 4. September zunächst in den USA für US$ 395,– verkauft. Sie beinhalten erstmalig ein vollrundes OLED Display ohne den bisherigen Segmentausschnitt. Mit dem Betriebssystem Android Wear™2.0, 4GB Flash, Speicher und entsprechenden Licht-, Lage- und Bewegungssensoren sind die Smartwatches zeitgemäß ausgestattet. Auf den Pulsmesser auf der Rückseite der Uhr wird aber bewusst verzichtet. Die Marke positioniert sich bewusst als Style Accessoire, nicht als Sportgerät.

Wie praktisch alle modernen Fitness Tracker zeichnet sich auch die neue Samsung Gear Fit™ 2 Pro durch eine automatische Erkennung von Sportarten aus. Eine besondere Fähigkeit des Armbandes soll das zuverlässige Herzschlagmonitoring auch beim Schwimmen sein, das wir aber naturgemäß während der IFA 2017 nicht wirklich erproben konnten. Mit einem 1 GHz Dual Core Prozessor, 512 MB Hauptspeicher und 4GByte Flash Speicher, Beschleunigungs- und Lagesensor, Pulsmesser,  Barometer und einem GPS Sensor zu Aufzeichnung des Routenverlaufs, WLAN, BT 4.2, einen 200mAH Akku und integriertem MP3 Player bei nur 34 Gramm Gewicht bewegt sich die Hardware des Armbandes auf der Höhe der Zeit. Auf eine kontaktlose induktive Aufladung wie bei den aktuellen Samsung Smartwatches wurde verzichtet. Die kontaktbehaftete Ladeschnittstelle ist aber für die Zielgruppe kein Problem. Der Fitness Tracker mit einem 1,5“ AMOLED Touchscreen Display mit 216 x 432 Pixel Auflösung, das mit Gorilla Glas 3 abgedeckt ist, soll schon ab September 2017 für EUR 229,- in den Handel kommen.

Schlaue Staubsauger

Ein weiterer Innovationsschritt kündigt sich im Smart Home an. Nachdem LG schon zur IFA 2016 einen Saugroboter angekündigt hatte, der auch mit Kameras bestückt sein sollte, wollen Miele und Bosch diese Zukunftsvision jetzt Produktrealität werden lassen. Noch im Oktober 2017 soll der mit Kamera bestückte Miele Saugroboter „Scout RX2“ für EUR 829,- in den Handel kommen. In 2018 soll der „Roxxter“ von Bosch folgen, für den das Unternehmen gerne einen Kaufpreis von EUR 1.399,- vereinnahmen möchte. Das per WLAN übertragene Video, das von einer Kamera an der Frontseite der Saugroboter aufgenommen wird (siehe Bild), wird natürlich von unbefugtem Zugriff verschlüsselt an eine spezifische App übertragen. Die Roboter können dabei per App an eine bestimmte Stelle des Zuhauses gelenkt werden, um Aufnahmen (aus ihrer Bodenperspektive) zu übertragen. Dies eröffnet nicht nur unter Sicherheitsaspekten die Möglichkeit, zu überprüfen, wie es an einem spezifischen Ort des Zuhauses zum aktuellen Zeitpunkt aussieht. Auch eine akute Unterstützungsbedürftigkeit Alleinlebender kann etwa in einer vermuteten Krisensituation auf diese Weise komfortabel aus der Ferne verifiziert werden.

Roboter Staubsauger von Bosch (oben) und Miele (unten), IFA 2017
„Sehende“ Bosch Roboter Staubsauger „Roxxter“ (oben), Miele „Scout RX2“ (unten)

Für die Saugroboter können natürlich Zeitpläne für die Staubsaugarbeiten im Zuhause vereinbart werden, gemäß denen der Saugroboter  seine Arbeit verrichtet. Oder Verbotszonen definiert werden, die der Roboter nicht befährt. Über WLAN, Internet und zugehörige App informiert der Haushaltshelfer seinen Besitzer jederzeit und an jedem Ort über seine aktuelle Position und Status. Das Zuhause kartografiert der Saugroboter selber und kann sich mit einer gegen die Decke gerichteten (Stereo)Kamera sicher auch in unterschiedlichen Räumen des Zuhauses bewegen. Die Nützlichkeit der Sprachsteuerung mit Amazon’s Alexa muss  noch unter Beweis gestellt werden. Geschlossene Türen im Zuhause bringen die Saugroboter aber sofort an unüberwindbare Grenzen.

Der lange Weg zum Haushaltsroboter

Der chinesische Hersteller UBTECH will seine „Alpha“ Serie von humanoiden Kleinrobotern ( vgl. Titelbild unseres Blogbeitrages zur IFA 2016 ) um den hüfthohen „Cruzr“ ergänzen. Mit einem erwarteten Preis von EUR 10.000,– für das in 2018 voraussichtlich verfügbare Produkt wäre der Roboter nicht gerade ein Schnäppchen. Die eingebaute Kamera und beiden Arme mit vier Freiheitsgraden geben dem Roboter die grundsätzliche Möglichkeit, selbständig Türen öffnen zu können. Damit erscheinen Inspektions- und Hilfsfunktion in stationärer Pflege, Seniorenbetreuung und Krankenversorgung nicht völlig unrealistisch. Dr.-Ing. Rainer Lutze und der Ubtech CRUZR Roboter, IFA 2017
Allerdings verdeutlichen die fehlenden feinmotorischen Möglichkeiten, gezielt einzelne Gegenstände greifen und absetzen können, wie weit der Weg zum universellen humanoiden Helfer noch ist. Hierfür wären eine deutlich höhere Zahl von Freiheitsgraden in den Bewegungsmöglichkeiten der Arme und eine taktile Rückmeldung unabdingbar.

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Ein Bild unseres Blog Autors Rainer Lutze

Rainer Lutze

Rainer Lutze ist Gründer und Inhaber der Unternehmensberatung Dr.-Ing. Rainer Lutze Consulting. Das Unternehmen berät seit seiner Gründung im Jahr 2000 Unternehmen und Organisationen im Bereich der digitalen Medien und der digitalen Gesundheit und Pflege (E-Health). Ein aktueller Schwerpunkt ist das intelligente Zuhause, das ein gesundes, sicheres und selbstbestimmtes Leben im vertrauten Zuhause bis ins hohe Alter und auch in Gegenwart alterstypischer Beschwerden und Einschränkungen ermöglicht.

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